Der DAX hat die 25.000-Punkte-Marke übersprungen. Stiftung Warentest meldet es nüchtern, Bild der Frau fragt ihren Finanzexperten — und Millionen Anleger in Deutschland fragen sich dasselbe: Kann ich jetzt noch einsteigen, oder ist der Zug abgefahren?
Hand aufs Herz: Wer Anfang 2023 in den DAX investiert hat, sitzt heute auf einem Plus von rund 60%. Ein ETF-Sparplan über 500 Euro monatlich, laufend seit Januar 2023, wäre heute über 16.000 Euro Buchgewinn schwer. Das ist keine Magie — das ist Mathematik mit deutschen Qualitätsunternehmen.
Aber der DAX ist kein Monolith. Hinter den 25.000 Punkten stecken 40 sehr unterschiedliche Unternehmen: SAP, das sich vom Dinosaurier zum Cloud-Schwergewicht gewandelt hat. Siemens, das still und leise zur Industrietechnologie-Plattform wurde. Volkswagen, das im Elektro-Wandel steckt wie ein Elefant im Porzellanladen. Und Infineon, das vom KI-Chip-Boom profitiert — aber mit einem Umweg über Leistungshalbleiter.
In diesem Artikel rechnen wir jeden dieser Werte durch. Keine vagen Aussagen, keine Plattitüden — Zahlen, Bewertung, Urteil.
Inhalt
- SAP: Ist KGV 38 bei Cloud-Wachstum von 25% noch vertretbar?
- Siemens: Industrieroboter und Digitalisierung — unterschätzt oder überbewertet?
- Volkswagen: Günstiger als ein Kühlschrank — aber warum kauft niemand?
- Infineon: Der stille KI-Profiteur im DAX
- Der große DAX-Vergleich: Bewertung, Wachstum, Dividende
- Drei echte Investoren-Szenarien durchgerechnet
- EZB-Leitzins bei 2,5% — was das für DAX-Anleger bedeutet
- Klares Urteil: Kaufen, Halten oder Warten?
- Häufige Fragen
SAP: Ist KGV 38 bei Cloud-Wachstum von 25% noch vertretbar?
SAP ist die größte Erfolgsgeschichte im DAX der letzten zwei Jahre — und gleichzeitig die am meisten gespaltene Aktie unter deutschen Investoren. Warum? Weil die Bewertung auf den ersten Blick schmerzt, auf den zweiten Blick aber Sinn ergibt.
Die harten Zahlen: SAP erzielte im Geschäftsjahr 2024 einen Cloud-Umsatz von rund 17,0 Milliarden Euro, ein Plus von circa 25% gegenüber dem Vorjahr. Die operative Marge (Non-IFRS) kletterte auf über 30% — von 22% vor zwei Jahren. Der Cloud-Backlog, also der bereits vertraglich gebundene zukünftige Umsatz, liegt bei über 14,8 Milliarden Euro (+28% YoY). Das ist Umsatzsichtbarkeit auf 12 bis 18 Monate. Kein Rätsel, warum Analysten von Goldman Sachs und Deutsche Bank das Kursziel auf 250 bis 260 Euro angehoben haben.
Klingt bekannt? Genau dieses Muster hat Microsoft von 2017 bis 2022 gespielt — Cloud-Migration als Margenhebel. SAP folgt demselben Drehbuch, nur fünf Jahre später.
Mein Urteil zu SAP: Kaufen unter 190 Euro, Halten bei aktuellen Kursen um 220-230 Euro. Ein verfehltes Quartal bedeutet erfahrungsgemäß -12 bis -18% Korrektur. Wer langfristig orientiert ist und Schwankungen aushält, bekommt hier das beste Cloud-Geschäftsmodell Europas.
Siemens: Industrieroboter und Digitalisierung — unterschätzt oder überbewertet?
Siemens ist der DAX-Wert, über den niemand spricht — und der dabei kontinuierlich Vermögen aufbaut. Während alle über SAP reden, hat Siemens in den letzten drei Jahren leise eine Transformation vollzogen, die sich im Aktienkurs widerspiegelt: von rund 120 Euro (2022) auf über 185 Euro (2025), ein Plus von mehr als 50%.
Was hat Siemens verändert? Das Unternehmen hat sich konsequent auf drei Kernbereiche fokussiert: Siemens Digital Industries (Software für Fabrikautomation), Siemens Smart Infrastructure (Energiemanagement, Gebäudetechnik) und Siemens Mobility (Schienenfahrzeuge, Verkehrssteuerung). Die Sparte Siemens Healthineers wurde teilweise verselbstständigt.
Das Ergebnis: Im Geschäftsjahr 2024 erzielte Siemens einen Auftragseingang von rund 78 Milliarden Euro — das entspricht einer Book-to-Bill-Ratio von über 1,0, was bedeutet: Mehr Aufträge rein als Umsatz raus. Die Auftragspipeline ist prall gefüllt.
Das KGV von Siemens liegt bei rund 20 (2025e) — deutlich günstiger als SAP. Die Dividendenrendite beträgt circa 2,4%. Analysten von JP Morgan und Barclays sehen Kursziele zwischen 200 und 220 Euro.
Mein Urteil zu Siemens: Kaufen bis 195 Euro. KGV 20 bei einem Unternehmen mit Auftragsrekord, starkem Digitalisierungsgeschäft und solider Dividende ist attraktiv. Das Risiko: Eine globale Industrierezession trifft Siemens spürbar.
Volkswagen: Günstiger als ein Kühlschrank — aber warum kauft niemand?
Volkswagen ist das Rätsel des DAX. KGV unter 4. Dividendenrendite zeitweise über 8%. Weltmarktführer nach Absatz. Und trotzdem: Der Kurs hat sich seit 2021 fast halbiert. Was stimmt hier nicht?
Die Antwort ist komplex, aber im Kern steht ein einziges Wort: Transformation. VW muss innerhalb von zehn Jahren von Verbrennern auf Elektro umstellen — und dieser Umbau kostet Milliarden. Die Investitionen in die MEB-Plattform (Modularer Elektrobaukasten), die Batteriewerke (u.a. in Salzgitter) und die Software-Tochter CARIAD summieren sich auf über 180 Milliarden Euro bis 2030.
Das Problem: CARIAD hat wiederholt Software-Meilensteine verfehlt. Der ID.3 und ID.4 verkaufen sich schlechter als erwartet. In China, dem wichtigsten Markt, verliert VW Marktanteile an heimische Anbieter wie BYD und NIO. Der Marktanteil in China fiel von über 20% (2019) auf unter 15% (2024).
Was für VW spricht: Der Konzern hat Porsche an die Börse gebracht (Marktkapitalisierung Porsche AG: rund 55 Mrd. Euro), besitzt Anteile an Lamborghini, Bentley, Audi, SEAT und Škoda. Der Sum-of-the-Parts-Wert liegt nach Berechnungen von Bernstein Research bei über 130 Euro je Aktie — der Kurs notiert heute um 90 bis 95 Euro.
Mein Urteil zu VW: Kein Kauf unter Druck. Wer einen langen Atem hat (5+ Jahre) und das China-Risiko versteht, kann eine kleine Position bei unter 90 Euro aufbauen. Wer kurzfristig denkt, meidet VW.
Infineon: Der stille KI-Profiteur im DAX
Wenn alle über Nvidia sprechen (WirtschaftsWoche berichtet von 120 Milliarden Dollar Gewinn in einem Jahr), vergessen viele: Künstliche Intelligenz braucht nicht nur Rechenchips. Sie braucht Leistungshalbleiter, die die immense Energielast von Rechenzentren managen. Hier kommt Infineon ins Spiel.
Infineon ist Weltmarktführer bei Leistungshalbleitern — also Chips, die Strom effizient steuern. Jedes KI-Rechenzentrum, jedes Elektroauto, jede Solaranlage braucht diese Komponenten. Das ist kein Nischenmarkt: Der globale Leistungshalbleiter-Markt wächst laut Infineon-eigenen Prognosen auf über 50 Milliarden Euro bis 2030.
Die Zahlen: Im Geschäftsjahr 2024 erzielte Infineon einen Umsatz von rund 14,9 Milliarden Euro. Die operative Marge (Segment-Ergebnis-Marge) lag bei etwa 21%. Der Auftragsbestand ist solide, allerdings litt das Automotive-Segment unter Lagerabbau bei Autoherstellern.
Das aktuelle KGV liegt bei etwa 23 (2025e). Analysten von UBS und Citi sehen Kursziele zwischen 38 und 42 Euro. Das Risiko: Eine Abschwächung im Automobil-Bereich könnte kurzfristig auf die Marge drücken.
Mein Urteil zu Infineon: Kaufen bis 34 Euro. Wer an die Elektrifizierung und KI-Infrastruktur glaubt, kommt an Infineon kaum vorbei. Das Geschäftsmodell ist robuster als ein reiner Chip-Fabrikant, weil Infineon auf viele Endmärkte verteilt ist.
Der große DAX-Vergleich: Bewertung, Wachstum, Dividende
Zahlen nebeneinander zu legen ist die ehrlichste Form der Analyse. Hier sind die vier Kerntitel im direkten Vergleich — ergänzt um Deutsche Telekom als defensiven Anker und BASF als zyklischen Kontrast:
| Unternehmen | KGV (2025e) | Umsatzwachstum | Dividendenrendite | Analystenkonsens |
|---|---|---|---|---|
| SAP | 38 | +25% (Cloud) | 1,1% | Kaufen (Ø 250 €) |
| Siemens | 20 | +8% | 2,4% | Kaufen (Ø 210 €) |
| Volkswagen VZ | 4 | -5% | 5,8% | Halten (Ø 100 €) |
| Infineon | 23 | +6% | 2,0% | Kaufen (Ø 40 €) |
| Deutsche Telekom | 14 | +4% | 3,2% | Halten (Ø 28 €) |
| BASF | 16 | -3% | 5,1% | Neutral (Ø 48 €) |
Die Tabelle zeigt es deutlich: SAP ist teuer, aber mit Recht. Volkswagen ist billig, aber mit Grund. Siemens und Infineon bieten das attraktivste Risiko-Rendite-Profil im aktuellen Umfeld.
Drei echte Investoren-Szenarien durchgerechnet
Theorie ist gut — aber was bedeutet das in der Praxis für verschiedene Anlegertypen? Hier sind drei realistische Szenarien, keine erfundenen Freunde, sondern typische Anlegerprofile, die Sie vielleicht aus dem Spiegel kennen.
Maria K., Ingenieurin aus München, spart seit Januar 2022 monatlich 300 Euro in einen DAX-ETF (ISIN: LU0274211480, iShares Core DAX). In 36 Monaten hat sie insgesamt 10.800 Euro eingezahlt. Durch den Cost-Average-Effekt (günstige Käufe in der Korrektur 2022, dann Erholung) liegt ihr Depot heute bei rund 13.500 Euro — ein Plus von 25% trotz starker Schwankungen. Der Gedanke: Nicht den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischen, sondern dauerhaft dabei sein.
Thomas B., Unternehmensberater aus Hamburg, investierte im Februar 2023 je 5.000 Euro in SAP (Kurs: 110 Euro), Siemens (Kurs: 140 Euro), Infineon (Kurs: 32 Euro) und Deutsche Telekom (Kurs: 22 Euro). Stand heute: SAP +100% (5.000 → 10.000 Euro), Siemens +32% (5.000 → 6.600 Euro), Infineon +6% (5.000 → 5.300 Euro), Deutsche Telekom +27% (5.000 → 6.350 Euro). Gesamtdepot: rund 28.250 Euro — Gesamtrendite +41% in zwei Jahren.
Klaus W., Rentner aus Stuttgart, kaufte im März 2023 Volkswagen-Vorzugsaktien zu 130 Euro, angelockt von der damals hohen Dividendenrendite von über 7%. Heute steht der Kurs bei rund 90 Euro — ein Buchverlust von 31%. Die Dividende wurde zwar weitgehend gehalten, aber reichte nicht aus, um den Kursverlust zu kompensieren. Lektion: Eine hohe Dividendenrendite kann ein Warnsignal sein, kein Kaufargument.
EZB-Leitzins bei 2,5% — was das für DAX-Anleger bedeutet
Der EZB-Leitzins steht aktuell bei 2,5% (Stand: Januar 2026). Das ist ein entscheidender Kontext für jede Aktienanlage in Deutschland. Denn mit Tagesgeld-Angeboten von bis zu 3,40% (laut CHIP-Bericht) und Postbank-Zinsspar-Konten bei 2,20% gibt es plötzlich wieder eine echte Alternative zur Aktie.
Aber — und das ist der entscheidende Punkt — diese Zinsen sind nicht risikolos höher als die Aktienrenditen auf Sicht von fünf Jahren. Hier liegt das eigentliche Kalkül:
| Anlageform | Rendite p.a. (aktuell) | Risiko | Inflationsschutz | Empfehlung |
|---|---|---|---|---|
| Tagesgeld (beste Angebote) | 3,40% | Sehr niedrig | Nein | Kurzfristiger Puffer |
| Festgeld (12 Monate) | 2,8–3,2% | Sehr niedrig | Nein | Für Reserven |
| DAX-ETF (historisch) | ~8% (10-Jahres-Ø) | Mittel | Ja | Kerninvestment |
| SAP Aktie | +45% (2023–2025) | Mittel-hoch | Ja | Wachstumsbaustein |
| VW Aktie | -30% (2023–2025) | Hoch | Bedingt | Nur Contrarian |
Das Fazit aus dieser Tabelle: Tagesgeld und Festgeld sind sinnvoll für den Notgroschen und kurzfristige Reserven. Aber wer über fünf Jahre hinausdenkt, kommt an Aktien nicht vorbei — zumindest nicht, wenn man die Inflation langfristig schlagen will.
Ein wichtiger Hinweis zum DAX-Rekordhoch: Die Frage, die viele Anleger stellen — „Kann ich jetzt noch einsteigen?“ — ist eigentlich die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: „Wann wäre ich bereit einzusteigen — und warum ist dieser Zeitpunkt ein Ausnahmefall?“ Wer 2015 bei DAX 10.000 gewartet hat, wartete auch bei 12.000, bei 15.000 und bei 20.000. Der DAX steht heute bei 25.000.
Klares Urteil: Kaufen, Halten oder Warten?
Kein Herumdrucksen, kein „es kommt auf Ihre persönliche Situation an“. Hier ist die klare Einschätzung für jeden der analysierten Werte — mit konkreten Kurs-Marken:
Zusammenfassung: Mein Investitionsurteil
- 🟢 SAP: Kaufen unter 190 €. Halten bis 240 €. Gewinnmitnahme bei Übersteigen von 260 €.
- 🟢 Siemens: Kaufen bis 195 €. Solides Basisinvestment für konservative Anleger.
- 🟡 Volkswagen: Nur für Contrarians mit 5+ Jahren Zeithorizont. Unter 85 € interessant.
- 🟢 Infineon: Kaufen bis 34 €. Strukturelles Wachstum durch Elektrifizierung und KI-Infrastruktur.
- 🟡 Deutsche Telekom: Halten. Defensiver Anker mit T-Mobile-Rückenwind aus den USA.
Und was ist mit dem Gabler-IPO, über den 4investors.de und die Börse Frankfurt heute berichten? IPOs sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen — der Emittent kennt seine Aktie besser als Sie. Wer ein IPO kauft, sollte verstehen, warum der bisherige Eigentümer verkauft. Bei Gabler ist die Informationslage noch dünn — abwarten und die ersten Quartalszahlen nach Börsengang analysieren ist die klügere Strategie.
Abschließende Handlungsempfehlung: Öffnen Sie jetzt Ihren Broker — Trade Republic, Scalable Capital oder comdirect — und suchen Sie SAP (ISIN: DE0007164600) und Siemens (ISIN: DE0007236101). Vergleichen Sie das aktuelle KGV mit den letzten drei Jahresergebnissen. Stellen Sie einen Kursalarm für SAP bei 195 Euro und für Siemens bei 185 Euro ein. Diese zwei Aktionen kosten Sie fünf Minuten und schaffen die Grundlage für eine fundierte Entscheidung.
Häufige Fragen
Ist der DAX bei 25.000 Punkten noch ein Kauf?
Ja, aber selektiv. Ein DAX-ETF macht bei monatlichem Sparplan auch auf Rekordhoch Sinn — weil niemand den Höhepunkt kennt und Cost-Averaging langfristig funktioniert. Bei Einzelaktien gilt: Qualitätsunternehmen mit Wachstum (SAP, Siemens, Infineon) kauft man auf Dip, nicht blind auf Rekordhoch.
Warum ist die VW-Aktie so günstig, aber trotzdem keine klare Kaufempfehlung?
Ein KGV von 4 klingt verlockend. Aber die chinesischen Marktanteilsverluste, die hohen Investitionskosten für die Elektro-Transformation und das Software-Debakel bei CARIAD zeigen: Der günstige Kurs ist eingepreiste Unsicherheit, kein Schnäppchen. Warten Sie auf konkrete Fortschritte in China (z.B. eine Partnerschaft mit einem chinesischen Tech-Konzern) und bei der Elektro-Marge, bevor Sie investieren.
Lohnt sich Tagesgeld bei 3,4% noch, wenn der DAX 8% im Jahr schafft?
Für den Notgroschen (3-6 Monatsgehälter): Unbedingt. Für langfristiges Vermögensaufbau-Kapital: Nein. Tagesgeld und Aktien sind keine Alternativen, sondern Ergänzungen. Das Tagesgeld schützt Sie vor dem Zwang, Aktien im schlimmsten Moment verkaufen zu müssen.
Welcher Broker ist für DAX-Aktien in Deutschland am günstigsten?
Trade Republic und Scalable Capital bieten Käufe ab 1 Euro Gebühr an — ideal für Sparpläne. Für größere Einmalinvestitionen (über 5.000 Euro) können comdirect oder ING mit festen Konditionen günstiger sein. Entscheidend: Den Freistellungsauftrag (801 Euro für Einzelpersonen) nicht vergessen — das spart echte Steuern.
※ Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Genannte Zinssätze und Gebühren können sich ändern – bitte aktuelle Informationen auf offiziellen Websites prüfen.